Erich Mühsam: Freiheit in Ketten

Erich Mühsam: Freiheit in Ketten

Der Dichter Erich Mühsam (1878-1934) kann zu Recht als bekanntester Vertreter des Anarchismus (Syndikalismus) in der Weimarer Republik beschrieben werden. Als KPD-nahestehender Aktivist gründete er im April 1918 die kurzlebige Münchener Räterepublik mit, nach deren Niederschlagung, er zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde (nach fünf Jahre amnestiert), die seine politischen und künstlerischen Entwicklung der kommenden Jahre grundlegend prägte. Aus den Erfahrungen seiner Gefängniszeit und der Arbeit bei der Roten Hilfe der späten 20er Jahre wuchs sein anarchistisches und anti-autoritäres Grundverständnis, welches in dem 1928 geschriebenen Gedicht ‘Freiheit in Ketten’ eloquent zur Wirkung kommen:

Ich sah der Menschen Angstgehetz;
ich hört der Sklaven Frongekeuch.
Da rief ich laut: Brecht das Gesetz!
Zersprengt den Staat! Habt Mut zu euch!
Was gilt Gesetz?! Was gilt der Staat?!
Der Mensch sei frei! Frei sei das Recht!
Der freie Mensch folgt eignem Rat:
Sprengt das Gesetz! Den Staat zerbrecht! ­
Da blickten Augen kühn und klar,
und viel Bedrückte liefen zu:
Die Freiheit lebe! Du sprichst wahr!
Von Staat und Zwang befrei uns du! ­
Nicht ich! Ihr müßt euch selbst befrein.
Zerreißt den Gurt, der euch beengt!
Kein andrer darf euch Führer sein.
Brecht das Gesetz! Den Staat zersprengt! ­
Nein, du bist klug, und wir sind dumm.
Führ uns zur Freiheit, die du schaust! ­
Schon zogen sie die Rücken krumm:
O sieh, schon ballt der Staat die Faust! …
Roh griff die Faust mir ins Genick
des Staats: verletzt sei das Gesetz!
Man stieß mich fort. ­ Da fiel mein Blick
auf Frongekeuch und Angstgehetz.
Im Sklaventrott zog meine Schar
und schrie mir nach: Mach dein Geschwätz,
du Schwindler, an dir selber wahr!
Jetzt lehrt der Staat dich das Gesetz! ­­
Ihr Toren! Schlagt mir Arm und Bein
in Ketten, und im Grabverlies
bleibt doch die beste Freiheit mein:
die Freiheit, die ich euch verhieß.
Man schnürt den Leib; man quält das Blut.
Den Geist zwingt nicht Gesetz noch Staat.
Frei, sie zu brechen, bleibt mein Mut ­
und freier Mut gebiert die Tat!

Für Mühsam war die Befreiung von autoritären Strukturen zuallererst von der vorgelagerten Befreiung seiner / ihrer selbst von autoritärem Denkprozessen bedingt. Dies stand im direkten ideologischen Gegensatz nicht nur zu konservativen Kräften, eben auch zu den kommunistischen (und größtenteils der sozialdemokratischen) Parteien jener Epoche, die mit straffer Parteiorganisation und -disziplin die hierarchischen Sozialstrukturen der jeweiligen Gesellschaften im neuen Gewand adaptiert hatten.
Die Zuspitzung erfuhr diese Auslegung des Marxismus in Lenins Postulat, die kommunistische Partei sei die historisch-notwendige Elitenbildung des Proletariats, die die Arbeiterschaft im Aufbau des Sozialismus bildet, erzieht und somit emanzipiert. Diese Denke war Mühsam und den Anarchismus fremd, glaubte man doch an das Ideal der Selbstbefreiung eines jeden einzelnen in seinen einzelnen Lebensumständen durch simple Selbsterkenntnis. Kants Antwort auf die Frage – Was ist Aufklärung? – der Mut sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, ist nach Mühsams ‘Freiheit in Ketten’ die Maxime, welche durch entsprechende Taten des Infragestellens von Institutionen, Strukturen und Verhaltensweisen Freiheit für sich und die Mitmenschen ermöglicht und damit den Staat überflüssig macht …

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